Neulich abends, nachdem die Kinder endlich im Bett waren, habe ich beim Abspülen plötzlich angefangen zu weinen. Über nichts Konkretes. Einfach so. Und mein erster Gedanke war: Was ist los mit mir, warum jetzt, es ist doch alles okay.
Aber es war nicht wirklich nichts. Es war der ganze Tag, der ganze Monat, vielleicht das ganze letzte Jahr, das sich irgendwo angesammelt hatte und einen Weg nach draußen gesucht hat. Genau darum geht es in diesem Artikel: Gefühle, die wir tagsüber wegschieben, weil gerade keine Zeit dafür ist, verschwinden nicht einfach. Sie warten. Und irgendwann, meistens im ungünstigsten Moment, kommen sie zurück.
Als Mütter sind wir Meisterinnen im Wegschieben. Das Kind weint, man tröstet. Der Partner ist gestresst, man hört zu. Der Job ruft, man liefert. Und die eigene Wut, die eigene Trauer, die eigene Erschöpfung? Die kommt ganz nach hinten in der Warteschlange. Meistens so weit nach hinten, dass man am Ende des Tages selbst nicht mehr genau weiß, was man eigentlich fühlt. Nur, dass irgendwas zu viel ist.
Hier kommt die kleine spirituelle Wahrheit ins Spiel, die ich mit den Jahren gelernt habe: Ein Gefühl, das man wirklich zulässt, verschwindet meistens von selbst. Nicht sofort. Aber es verschwindet. Das Problem ist nie das Gefühl selbst, sondern der Widerstand dagegen, es überhaupt zu spüren.
Man merkt das oft zuerst im Körper, bevor der Kopf überhaupt begreift, was los ist. Ein Kloß im Hals, wenn man eigentlich "alles gut" sagen will. Ein Druck auf der Brust, kurz bevor man jemanden ungerecht anschreit. Ein flaues Gefühl im Bauch, das einfach nicht weggeht, egal wie oft man tief durchatmet. Das ist keine Schwäche und auch kein Fehler im System. Der Körper redet einfach früher als der Verstand.
Was mir wirklich geholfen hat, ist, diesen drei Schritten zu vertrauen, auch wenn sie sich am Anfang komisch anfühlen. Zuerst: das Gefühl überhaupt bemerken, ohne es sofort weglegen zu wollen. "Okay, ich bin gerade wütend" oder "ich bin gerade richtig traurig", ganz ohne Erklärung dazu. Danach: es einfach da sein lassen, statt es zu bewerten oder zu analysieren. Und dann, irgendwann, ganz von selbst: es lässt los. Man muss nicht nachhelfen. Man muss nur aufhören, es festzuhalten.
Das ist übrigens auch der Grund, warum schnelle Lösungen selten wirklich helfen. Ablenkung, Verdrängung, einfach weiterfunktionieren, das schiebt das Gefühl nur eine Ebene tiefer. Und irgendwann kommt es wieder hoch, meistens lauter und unpassender als beim ersten Mal, so wie bei mir am Spülbecken.
Ich will nicht sagen, dass dieser Prozess einfach ist. Manchmal dauert es Tage, manchmal Wochen, bis sich ein Gefühl wirklich gelöst hat, und das ist völlig normal. Es gibt keine Abkürzung dafür, aber es gibt einen Weg, und der beginnt immer mit einem einzigen ehrlichen Moment: sich selbst erlauben zu fühlen, was gerade da ist.
Am Ende ist das mehr als nur ein Weg, sich besser zu fühlen. Es ist ein Weg, sich selbst wieder ganz zu fühlen. Und das, glaube ich, ist es, was wir Müttern am meisten schulden: nicht ständig funktionieren, sondern ab und zu einfach fühlen dürfen, was wirklich da ist.